Meinung aktuell



03.08.2018

Auf ein Wort: Genetische Pflanzenzüchtung

Genetische Pflanzenzüchtung war und ist immer noch ein schwieriges Thema. Als seinerzeit das entsprechende Max-Planck-Institut in Köln zum ersten Mal lachsrot blühende Petunien zum Feldversuch freigab, haben wir von der WPK - Wissenschaftspressekonferenz Bonn/Berlin eine PK veranstaltet. Ich sollte sie leiten. Doch dagegen hatte das sogenannte Gentechnik-Netzwerk Einwände. Diese äußerten sich handfest, in dem sie eine Stunde vor dem Termin sämtliche Eingänge des Instituts mit Motorrad-Vorhängeschlössern blockierten. Es blieb uns nichts anderes üblich, als diese Pressekonferenz durch den Zaun zu realisieren, die Journalisten außen, die eingesperrten Wissenschaftler innen.

Für mich war das das erste Beispiel von mit reinen Emotionen gegängelte Wissenschaft. Die Folge, dass wir Journalisten mit Tomaten und Eiern beworfen wurden, während sich die Wissenschaftler aus dem Staub machen konnten. 

Nichtdestotrotz behielt ich meine vernunftbetonte Skepsis gegen die Gentechnologie und machte das auch in meinen Sendungen deutlich.  

Als im Jahr 2010 Emmanuelle Charpentier die Möglichkeit entdeckte, bestimmte Abschnitte aus einem Genom gezielt herauszulösen (Genschere oder CRISPR genannt) änderte sich meine Einstellung.

Während bei herkömmlicher Pflanzenzüchtung die Samen mit dubiosen Mitteln malträtiert wurden, z. B. mit Röntgen-, mit radioaktiven Strahlen oder mit aggressiver Chemie, und anschließend eine Auslesung nach dem Darwin’schen Prinzip in aufwendigen und sehr teuren Experimenten erfolgen musste, die ebenfalls große Risiken bergen, kann man mit CRISPR im bestehenden Erbgut bestimmte Eigenschaften gezielt herauslösen oder ergänzen. Meines Erachtens ist dabei das Risiko wesentlich geringer als bei der klassischen Pflanzenzüchtung. Nur als Beispiel genannt: Die Getreide-Ähren des Weizens erhielten auf diese herkömmliche Weise viel kürzere Strohhalme. Als Nebenwirkung entstand dabei das Risiko, dass Körner mit Mutterkorn verseucht wurden, denn die Pilzsporen aus der Erde nutzen die verkürzten Halme zur Ausbreitung.

Was mich besonders ärgert ist, dass die europäischen Politiker nicht in der Lage waren, die Bedeutung und Nebenwirkung von CRISPR in Gesetzen so darzustellen, dass diese fantastische Forschung auch juristisch adäquat möglich wurde.

Jetzt haben Richter des Europäischen Gerichtshofs, also Juristen, die selbst keine naturwissenschaftliche Qualifikation haben, lediglich auf Grund von  Gutachten, die, wie bei allen Problemen rund um die Gentechnologie, traditionell sehr emotional und kontrovers aufgeladen sind, eine katastrophale Entscheidung getroffen haben. Damit wird die Genforschung der Pflanzen in Europa für lange Zeit ins Abseits gestellt und große Konzerne erheblich bevorzugt.

Auch bei Gerichtsentscheidungen sollten Nebenwirkungen und Risiken nicht ausgeschlossen werden. Ich hoffe, dass - wenn überhaupt möglich - eine Revision bald in Angriff genommen wird.

Dass ich kein einsamer Rufer in der Wüste bin, können Sie an der Stellungnahme von Professor Dr. Hacker erkennen.

Ihr Jean Pütz